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Die entscheidende Schwierigkeit beim Einstieg in das Windsurfens wird von Laien – oft auch von erfahrenen Windsurfern – in der Kippligkeit des Boards verortet. In Konsequenz werben viele Windsurfschulen mit kippstabilen Einsteigerboards, wenig Wind sowie der Lage an einem Flachwasserrevier als vermeintlich den Lernprozess vereinfachenden Rahmenbedingungen. Die im Folgenden dargelegten Bewegungsanalysen werden zeigen, dass diese Annahmen aus sportwissenschaftlicher Sicht nicht zutreffen. Diese als optimal beworbenen Rahmenbedingungen und daraus folgende Konsequenzen im Unterricht führen vielmehr zu erheblichen Schwierigkeiten im Lernprozess und nicht selten auch dazu, das Windsurfen dann auch ganz sein zu lassen.

Das wesentliche Bewegungsproblem des Einsteigers liegt in der Kontrolle des Segelzugs

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Denn das dichtgeholte Segel zieht – so empfinden Einsteiger – plötzlich wie eine Lok, und lässt im nächsten Augenblick unvorhersehbar, schlagartig und so fies nach, dass der Luvsturz droht. Wenn Einsteiger nun zur Problemlösung auf aus dem Alltag bekannte Bewegungsmuster zurückgreifen, ist das eine mehr als natürliche Reaktion:

● Mit gestreckten Armen und Beinen und nach hinten verlagertem Becken stemmen sie sich gegen übermäßigen Segelzug (Abb. 1). Denn so bewegt sich an Land jeder, den man gegen seinen Willen nach vorn zieht.

● Lässt der Segelzug nach, werden beide Arme schnell gebeugt und das Becken nach vorn geschoben, auch dies analog zum Verhalten im Alltag (Abb. 2).

Diese Verhaltensweisen im Umgang mit wechselndem Segelzug hat jeder Windsurflehrer schon beobachtet, ich bezeichne sie zusammenfassend als „Stemmbewegungen“.blog 02 stemmbewegung 01a

Stemmbewegungen als vermeintliche Lösung  

Stemmbewegungen genügen, um auf dem Longboard nach dem Start Fahrt aufzunehmen. Auch das Steuern, das Aufkreuzen sowie Wende, Notstop und die Rückkehr zum Ausgangspunkt sind mit etwas Übung auf der Grundlage von Stemmbewegungen für Einsteiger umsetzbar. Allerdings nur unter der Voraussetzung entsprechend kleiner Segel, Flachwasser und passenden Windverhältnissen. Ist der Wind etwas kräftiger, wird das Segel in Kombination mit Stemmbewegungen nur leicht dichtgeholt. Das Ergebnis ist nicht selten mit bestandener Praxisprüfung der Erwerb eines Dokuments als Nachweis über das gekonnte Führen eines Windsurfbretts. Der Schüler erliegt dem Trugschluss, er hätte das Windsurfen erlernt, oft auch der betreffende Windsurflehrer. Denn der beschriebene Umgang mit dem Rigg befähigt zum „Stehsegeln“, nicht aber zum Windsurfen. Kompetente Windsurflehrer wissen, dass die auf Stemmbewegungen beruhende „Fahrtechnik“ des Stehsegelns nur für das Fahren bei schwachem Wind und wenig bewegter Wasseroberfläch tauglich ist.

Stehsegeln ist das glatte Gegenteil des Windsurfens

Denn für das Windsurfen sind Bewegungsweisen erforderlich, in denen die primäre Funktion des Segels in der Gleichgewichtssicherung liegt. Droht der Luvsturz, wird mit Dichtholen der Segelzug erhöht, umgekehrt schützt das Fieren vor dem Leesturz. Wer im Gegensatz zum Stehsegeln von Anfang an tatsächlich das Windsurfen erlernt, lernt also im Wesentlichen, das Rigg nicht mehr als gleichgewichtsbedrohenden Faktor wahrzunehmen, sondern als gleichgewichtssichernde Hilfe zu nutzen. Kompetente Windsurflehrer berücksichtigen die für das Windsurfen zu vermittelnden Bewegungsweisen infolgedessen schon bei vergleichsweise wenig Wind, weil ihnen bewusst ist, dass ihre Schützlinge nur mit dieser „Fahrtechnik“ auch bei stärkerem Wind zurecht kommen werden.

Weshalb wird denn dann das Stehsegeln vermittelt?

Das hat viele, gut nachvollziehbare Gründe! Der Reihe nach:

● Es ist schlicht der in der Lehrpraxis einfachere Weg, dem Schüler ein kleines Rigg in die Hand zu drücken und den Umgang mit dem Rigg – auf diesem Weg – auf aus der Alltagesmotorik bekannten Bewegungsgewohnheiten zu belassen. Neue Bewegungsweisen – wie zum Beispiel das Aufholen des Riggs, das Drehen des Boards in Grundstellung, aber auch die für einen mäßigen Am-Wind-Kurs erforderliche Segelstellung – sind vergleichsweise einfach zu vermitteln und werden von den stehsegelnden Schülern schnell umgesetzt. Die Vermittlung des Windsurfens hingegen würde auf Seiten des Lehrers ein hohes Maß an Lehrkunst erfordern.

● Für die Vermittlung des Windsurfens ist einerseits ein Mindestmaß an Wind erforderlich, der aber andererseits auch nicht zu stark sein darf. Denn Einsteigerunterricht, der durchgehend bei ein, maximal zwei Beaufort erteilt wird, ermöglicht ebenso wenig die Vermittlunblog 021d systematischvermStehsg des Windsurfens, wie beispielsweise die Anleitung eines 80kg schweren Einsteigers, der bei sechs Beaufort mit einem 2,5m2 - Segel ausgerüstet wird.

● Das Windfenster für die Vermittlung des Windsurfens ist also deutlich kleiner. Dieses Problem betrifft beispielsweise viele an Binnenseen gelegene Windsurfschulen, die im Sommer, der gleichzeitig die Hochsaison darstellt, unter Windmangel leiden. Weitaus besser sieht es für Schulen aus, die von thermisch verstärkten Winden profitieren. Grundsätzlich aber sinkt für jede Windsurfschule der „Wetterdruck“, also die Abhängigkeit insbesondere von der Windsituation, wenn man sich in Einsteigerkursen auf die Vermittlung des Stehsegelns beschränkt. Und wer möchte die Kunden nicht – mit Lernergebnissen zufriedengestellt – aus der Windsurfschule entlassen? Der in dieser „Fahrtechnik“ liegende Trugschluss wird von den Kunden in aller Regel nicht erkannt.

Das Erlernen des Stehsegelns kann aber doch ein guter Einstieg sein? 

Oft wird auf diese Weise argumentiert, was sicher kurzfristig auch den Umsatz mit Einsteigern erhöht. Diese Praxis bringt aber eine Reihe von Nachteilen mit sich:

● Die ohnehin bei jedem Schüler naheliegende Tendenz, im Umgang mit dem Rigg auf – aus der Alltagsmotorik bekannte – Stemmbewegungen zurückzugreifen, wird mit der Anleitung zum Stehsegeln nachhaltig vertieft. Damit werden Bewegungsweisen trainiert, die bei stärkerem Wind nicht mehr zum Erfolg führen und sich damit als dysfunktional erweisen. Der Umgang mit dem Rigg muss entsprechend umgelernt und praktisch in sein Gegenteil verkehrt werden. Jeder erfahrene Sportler weiß, dass es im Bewegungslernen nichts Schwierigeres gibt, als einmal eingeübte Bewegungsmuster zugunsten anderer abzulegen.

● Im Unterschied zum Windsurfen, bei dem für den Einsteiger das am Segel hängende, entspannte Schweben über das Wasser erlebbar wird, rockt Stehsegeln einfach nicht. Mit Vermittlung des entweder bei schwachem Wind drögen oder bei stärkerem Wind verkrampften, weil kraftraubenden Stehsegelns verschenkt der Windsurflehrer die einmalige Chance, seine Schüler für das Windsurfen zu begeistern.

● Mit dem Blick auf Nachhaltigkeit verliert die betreffende Windsurfschule – und letztendlich alle Windsurfschulen gemeinsam – zukünftige Kunden für den Verleih und insbesondere für weiterführende Kursangebote. Potentielle Kunden wandern sicher auch in andere, koordinativ weniger anspruchsvolle Wasser-Funsportarten ab, die kurzfristiger fesselnde Bewegungserfahrungen erlebbar machen wie bspw. das Kiten.

Die Vermittlung des Windsurfens im Einsteigerkurs hat richtungsweisende Vorteile

Anspruchsvoller Einsteigerunterricht leitet die Schüler dazu an, sich mit fierend-dichtholenden Riggbewegungen in ein Gleichgewichtsverhältnis mit dem Segelzug hineinzutasten. Voraussetzung für diesen Lernprozess ist allerdings eine Kombination aus Wind und Segelgröße in Relation zum jeweiligen Körpergewicht, die für das Dichtholen des Segels das luvwärtige Hinauslehnen des Körpers notwendig, beziehungsweise möglich macht. Eine mäßig bewegte Wasseroberfläche, wie sie beispielsweise mit einer leichten Dühnung am Meer vorliegt, unterstützt diesen Lernprozess. Denn ein kippelndes Board macht den positiven Effekt gleichgewichtssichernder, fierend-dichtholender Riggbewegungen für die Schüler deutlich besser erfahrbar.

Unbestritten stellt der Lernprozess zum Windsurfen für alle Beteiligten – Schüler wie Lehrer – ein hohes Maß an Anforderungen: Beharrlichkeit auf Seiten der Schüler, insbesondere aber einen kompetenten Windsurflehrer, der über tiefgehende Kenntnisse zur Anleitung von Einsteigern verfügt. Es dauert sicher ein ganzes Stück länger als bei der Vermittlung des Stehsegelns, ehe die Schüler „ins Fahren“ kommen.

Der Aufwand lohnt. Denn für die Schüler wird nicht nur das im Kern Faszinierende dieser Sportart erlebbar, womit die meisten Einsteiger endgültig mit dem Windsurf-Virus infiziert sein dürften. Darüber hinaus haben Einsteiger, die von Grund auf an einen tastenden, das Gleichgewicht sichernden Umgang mit dem vollständig dichtgeholten Segel herangeführt werden, ganz andere Möglichkeiten, ein Gespür für die Anströmung am Segel zu entwickeln. In diesem, nun erlernten Bewegungsgefühl für das Rigg liegt ein den Weg bis in den Shortboardbereich hinein ebnendes  Potential. In der Folge vollziehen diese Windsurfer insbesondere den Wechsel von dezentralen zu zentralen Griffpositionen mit deutlich größerer Leichtigkeit (mehr zur wesentlichen Bedeutung dieses Lernprozesses finden Sie hier).

Diese nicht zu unterschätzenden Vorzüge fallen schlussendlich auch auf den anleitenden Windsurflehrer zurück, der sich bei seinen Schülern in nachhaltiger Weise für weiterführende Kurse empfohlen haben dürfte.

Umfangreiche Informationen zu den oben erläuterten Analysen sowie didaktisch-methodisch sorgfältig ausgearbeitete, dazu passende Unterrichtskonzepte finden Sie hier.  

 


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