Das Lehrkonzept

Lehrkonzepte, nach denen Windsurfunterricht traditionell angeleitet wird, orientieren sich an der von außen sichtbaren Verlaufsform einer zu vermittelnden Bewegung. Ihre Ursache hat diese Lehrweise in Bewegungsanalysen, die aus der Außenperspektive erfolgen. Um Bewegungen zu erklären, bedient man sich in den Sportwissenschaften bspw. biomechanischer Betrachtungsweisen, mit denen sportliche Bewegung als ein „in Raum und Zeit in Erscheinung tretendes Phänomen definiert wird". (Willimczik/ Roth 1985, S.22) Der menschliche Körper wird auf der Grundlage mechanischer Gesetze als Objekt beschrieben, das Ortsveränderungen in Raum und Zeit vollführt. Der Wert der biomechanischen Beschreibung einer Bewegung liegt nach Prof. Dr. K. Willimczik in der „... Exaktheit und Differenziertheit ... und in der Beschränkung auf das tatsächlich Beobachtbare." sowie in der „.. große(n) Genauigkeit, durch die falsche Angaben zur Bewegungsvorstellung weitgehend ausgeschlossen bleiben ...". (Willimczik 1985, S.24/25)

Bewegungsanalysen dieser Art bieten die wissenschaftliche Grundlage, um aus mechanischer und biomechanischer Sicht die Wirkungen bspw. der Schwer-, Zentrifugalkraft, der Trägheits- oder Drehmomente, der Abflugwinkel oder -geschwindigkeiten zu untersuchen. Damit haben diese Analyseverfahren unter anderem die wichtige Funktion, Bewegungen und deren Effekte zu erklären. Ergebnisse aus diesen Analysen am äußeren Bild einer Bewegung können insofern für die Bewegungslehre entscheidende Grundlage sein und finden folglich auch in der hier vorgestellten Lehrkonzeption ihre begründete Anwendung.

Problematisch wird es jedoch, wenn aus der Außenperspektive erfolgende Bewegungsanalysen im Umkehrschluss zu Lehrmodellen verarbeitet werden, die Sollwerte zu erlernender Bewegungsabläufe vorgeben, wie von Willimczik in seiner auf die Bewegungsvorstellung zielenden, oben zitierten Aussage implizit zum Ausdruck gebracht. Prof. Dr. A. Trebels kritisiert diesbezüglich zu Recht:

"(1) In diesen Bewegungsbildern ist ein Vorwissen um die `richtige Bewegung` enthalten, die (…) unter der Zielvorgabe der Optimierung der Bewegung mithilfe biomechanischer Analysen erzeugt wird. (…)

(2) Die Förderung der Bewegung des Einzelnen besteht darin, ihn zu befähigen, diesen biomechanisch begründeten Bewegungsmustern möglichst nahe zu kommen.

Bewegung wird hier auf ihre naturwissenschaftlich erfassbare Perspektive reduziert". (Trebels 1990, S.13)

Die von Trebels geäußerte Kritik beruht auf der Tatsache, dass die innere Repräsentation einer Bewegung, wie also Bewegung dem Akteur erscheint, mit dem äußeren Bild wenig gemein hat. Hier liegt die Ursache eines Phänomens, das jeder erfahrenere Windsurfer schon kennt: Nach eingehendem Studium eines Videos zu einer bestimmten Bewegung des Windsurfens entsteht leicht der Eindruck, die Bewegung „verstanden“ zu haben. Ernüchterung macht sich allerdings schnell breit, denn die sich auf den Bewegungsverlauf aus der Außenperspektive beziehenden Informationen im Video erweisen sich – kaum dass man sich auf dem Wasser um deren praktische Umsetzung bemüht – als im Wesentlichen unbrauchbar.

Die beschriebenen Informationen sind für das Bewegungslernen wenig hilfreich, weil die Struktur einer Bewegung nicht auf der Grundlage einer äußeren, sondern einer inneren Repräsentation, eines inneren Bildes fußt. Dieses innere Bild ist das Maß, an dem der Sportler sich mit seiner Bewegung orientiert. Im oben beschriebenen Video als Beispiel ist dieses innere Bild allerdings nicht zu sehen, hier liegt das entscheidende Problem.

Eine Besonderheit des inneren Bildes liegt darin, dass sich der Bewegungsablauf in ihm nicht in seiner Gesamtheit abgebildet. Vielmehr besteht das ausgereifte, innere Bild einer Bewegung beim Könner aus einer auf Schwerpunkte reduzierten Struktur, Knotenpunkten der Bewegung. Der Könner hangelt sich während der Bewegungsausführung sozusagen von einem Knotenpunkt zum nächsten. Diese Knotenpunkte werden als Bewegungsdominanten bezeichnet. (vgl. Ennenbach, W. 1989)

Nicht zuletzt spielen in diesem inneren Bild Bewegungsgefühle eine tragende Rolle. Der Terminus Bewegungsgefühle lässt sich aus dem Blickwinkel der Gestalttheorie betrachtet in „Sich-bewegend-fühlen“ übersetzen und meint damit eine dialogisch verwobene Verflechtung von Bewegung und Wahrnehmung. Das innere Bild, aufgrund seiner ähnlich einer Comicfigur auf wesentliche Schwerpunkte reduzierten Struktur als Bewegungsfigur bezeichnet, gilt es in der Bewegungslehre des Windsurfens in den Blick zu nehmen. (vgl. Ennenbach, W. 1989)

Wird das zur Praxis des anleitenden Windsurflehrers, kommt es bei den angeleiteten Schülern nicht nur zu einer erheblichen Beschleunigung des Lernerfolgs. Die erlernten Bewegungen zeigen in ihrer Ausführung eine Qualität und Nachhaltigkeit, die mit traditionellen Lehrmethoden nur mit einem erheblich größeren Zeitaufwand realisierbar sind.

Weitergehende Informationen zu dem hier vertretenen Lehrkonzept finden Sie im Blick ins Buch zum Lehrbuch zur Bewegungslehre des Windsurfens.

Quellennachweis:

Ennenbach, W.: Bild und Mitbewegung; Köln 1989

Trebels, A.: Bewegung sehen und beurteilen; in: Zeitschrift für Sportpädagogik, 1; Seelze 1990

Willimczik, K.: Biomechanik der Sportarten; Hamburg 1989

Willimczik, K. / Roth, K.: Bewegungslehre; Hamburg 1985

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