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Viele kennen das: Während ein Fahrer sein Shortboard mit einem 4,7er Segel mühelos zum Geiten bringt, ist der zweite mit immerhin 5,5m2 unterwegs – bei gleichem Körpergewicht und Brettvolumen. Nicht selten sind zeitgleich ähnlich schwere Fahrer mit 6,0 oder sogar 6,3m2 auf dem Wasser. Das alles in der Welle, wo es nicht wirklich um das Erreichen maximaler Geschwindigkeiten geht …

Ist nun der Fahrer mit dem 6,3er Segel ein „ganzer Kerl“ und jener mit dem 4,7er ein „Weichei“?

Wer so urteilt übersieht, dass das vermeintliche „Weichei“ erhebliche Vorteile für sich verbuchen kann. Denn das kleine Segel ist aufgrund geringeren Gewichts und kleiner Fläche schon bei Beach-, Wasserstart oder Geradeausfahrt handlicher. Insbesondere aber bei schnellen Riggbewegungen größeren Umfangs ist ein kleineres Segel auf allen Fahrlevels vorteilhaft: beim Schiften in der Halse oder Abreiten einer Welle, insbesondere wenn im Bottomturn das Segel abgelegt wird. Bis hin zu Rotationssprüngen, in denen Experten auf jedes Gramm Rigggewicht und jeden Quadratzentimeter Segelfläche – die nicht mit durch die Rotation gesteuert werden müssen – gern verzichten.

Weshalb werden bei gleichem Körpergewicht überhaupt verschiedene Segelgrößen erforderlich?

Aus physikalischer Perspektive überträgt das Segel eine Energieform in eine andere. Die in bewegten Luftteilchen – „Wind“ – befindliche Energie wird über das Segelprofil in eine nach vorne-Lee gerichtete Kraft des Riggs umgewandelt. Dieser Segelzug setzt dann Fahrer samt Material in Bewegung.

Offensichtlich gelingt – um am obigen Beispiel anzuknüpfen – dem Fahrer mit 4,7er Segel, bei für alle gleich großer Windenergie, mit seinem Segel genauso viel Energie für den Vortrieb und damit das Gleiten umzusetzen wie den Fahrern, die mit größeren Segeln unterwegs sind. Physiker sprechen bei der Umwandlung von einer Energieform in eine andere vom „Wirkungsgrad“. Das „Weichei“ erreicht also einen höheren Wirkungsgrad als die Fahrer mit größeren Segeln. Das Ganze natürlich nur bei gleichem Körpergewicht und Boardvolumen.

Und was steckt hinter einem höheren Wirkungsgrad?

Um einem weit verbreiteten, „konsumistischen Reflex“ vorzubeugen: die Form des Segels oder Boards, deren Bauweise oder gar Marke spielen sicher auch, aber eine mehr als untergeordnete Rolle. Ein Besuch im Surfshop hilft also nur der Surfindustrie. Entscheidend sind vielmehr Unterschiede inblog laminareAnstrmung1aex der Koordination, wie also der jeweilige Fahrer sein Rigg wahrnimmt und bewegt.

Dazu ist wichtig zu wissen, dass der Wind nie exakt aus einer Richtung und nie konstant mit der gleichen Stärke weht. Vielmehr dreht dieser Luftstrom ständig in winzigen Nuancen und vblog nichtlamAnstrmungexariiert kontinuierlich in seiner Geschwindigkeit. Aber auch jede Veränderung der Fahrtgeschwindigkeit führt unmittelbar zu Winddrehern. Das Segel erreicht aber nur dann seinen maximalen Wirkungsgrad, wenn die Anströmung am Segel verwirbelungsfrei – laminar – verläuft (Abb.1). Will der Fahrer mit seinem Segel einen hohen Wirkungsgrad erreichen, muss er sein Rigg immer wieder jedem Winddreher neu anpassen, die Segelstellung permanent zugunsten einer laminaren Anströmung korrigieren. So führt ein kleiner, luvwärtiger Winddreher zu Verwirbelungen am Achterliek. Die Segelkraft ist in dieser Segelstellung geringer als bei laminarer Anströmung (Abb.2). Erst ein leichtes Fieren führt nun wieder zu laminarer Anströmung und damit maximalem Vortrieb (Abb.3). Dreht umgekehrt der Wind leewärts, muss das Segel dichter geholt werden. blog laminarnachfieren 1a

Angesichts ständig schwankender Faktoren zur Windrichtung wird klar, dass es praktisch unmöglich ist, mit seinem Segel einen – auf einen bestimmten Zeitraum bezogen – 100%igen Anteil an perfekt laminarer Anströmung zu erreichen. Es geht vielmehr darum, mit Riggbewegungen immer wieder für Phasen laminarer oder annähernd laminarer Anströmung zu sorgen. Je größer der Prozentsatz mit laminarer Anströmung, desto größer ist in der Summe der Wirkungsgrad des Segels und desto kleinflächiger kann dieses im Resultat sein. Ohne regelmäßig aus dem Gleiten zu fallen!

Soweit die Theorie, wie aber sieht denn nun die Praxis aus? Schließlich sind weder Luftteilchen noch Anströmung oder Verwirbelungen am Segel sichtbar?

Das Zauberwort heißt: „Rigggefühl“. Fahrtechnisch ausgereifte Windsurfer fühlen – in der Regel unbewusst – die Qualität der Anströmung des Segels in Form bestimmter Zugverhältnisse an ihren Händen. Sie nehmen nichtlaminare Anströmungen wahr und reagieren mit entsprechenden Riggdrehungen, bis die Segelstellung wieder zu einer laminaren Anströmung führt. Je genauer diese auf die Anströmung bezogene Wahrnehmungsleistung ist, desto schneller kann der jeweilige Fahrer auf – auch kleinste – Winddreher reagieren, was unmittelbar den Wirkungsgrad des Segels erhöht.

Viele Shortboarder hingegen nehmen nur stark nichtlaminare Segelstellungen wahr. Sie surfen permanent mit einem je nach Fahrlevel mehr oder weniger großen Grad andauernder Verwirbelungen im Segel und benötigen in der Folge für eine dauerhafte Gleitfahrt relativ viel Segelfläche. Die meisten dieser Fahrer sind leicht an „dezentralen Griffpositionenblog segelhandfahex erkennbar: ihre Hände – zumindest aber die Masthand – liegen in Geradeausfahrt mehr oder weniger weit nach vorn verschoben und mit großer Entfernung zueinander auf der Gabel. Das wiederum führt zu einer eingeschränkten Wahrnehmung der Anströmung und einem entsprechend vergrößerten Bedarf an Segelfläche. Ich bezeichne diese Shortboarder als „Segelhandfahrer“, weil bei ihnen ausschließlich, zumindest aber überwiegend die Segelhand die Riggbewegungen zum Dichtholen und Fieren ausführt (Abb.4). Fahrtechnisch ausgereifte Shortboarder greifen hingegen in Geradeausfahrt ca. schulterbreit genau links und rechts vom Segeldruckpunkt die Gabel und richten die Segelstellungen mit beiden Händen in „zentraler Griffposition“ zu gleichen Teilen ein.

Wie erreicht man als Windsurfer die Fahrtechnik mit zentralen Griffpositionen?

Auf dem Weg vom Einsteiger zum Könner durchläuft jeder Windsurfer eine Phase mit dezentralen Griffpositionen, weil das Einrichten der Segelstellung damit zunächst koordinativ leichter fällt. Solange man mit dezentralen Griffpositionen ein Longboard unter den Füßen hat, ist an diesem Zwischenschritt nichts zu bemängeln. Es stellt sich nur die Frage, wieviel Zeit man benötigt, um sich zum Windsurfer mit zentralen Griffpositionen zu entwickeln. Denn die Phase mit dezentralen Griffpositionen sollte insofern nicht zu lang sein, als es bekanntermaßen schwierig ist, durch langanhaltende Praxis eingeübte, dysfunktionale Bewegungsmuster abzulegen. Auf keinen Fall sollte man als Fahrer mit dezentralen Griffpositionen auf ein Shortboard umsteigen!

Und was kann ich als Shortboarder tun, wenn ich endlich vom Segelhandfahrer zu denen aufschließen möchte, die gekonnt kleine Segel fahren? 

Schwierig! Denn mir ist leider noch nie eine Windsurfschule untergekommen, die einen Kurs anbietet mit dem Titel: „Lernen, wie man auf dem Shortboard zukünftig kleinere Segel zum Gleiten benötigt“ oder gern auch „Verfeinerung der Segelwahrnehmung für Shortboarder“. In einem solchen Kursangebot fände sich, einen kompetenten Windsurflehrer vorausgesetzt, der blitzschnelle und nachhaltige, weil auf die fundamentale Fahrtechnik zielende Leistungsschub für viele Shortboarder. Der Unterricht in diesem Kursangebot müsste übrigens zu 80% auf Longboards stattfinden. Und wäre lohnend, denn die größte Zahl der Shortboarder, die mit dezentralen Griffpositionen und damit zu schnell auf das Shortboard umgestiegen sind, bleiben dauerhaft Segelhandfahrer.

Umfangreiche Informationen zu den oben erläuterten Analysen sowie didaktisch-methodisch sorgfältig ausgearbeitete, dazu passende Unterrichtskonzepte finden Sie hier.    

 

 


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